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︎︎︎Melancholia III.

Melancholia I.      Bereits eingangs erwähnte ich meine Sorge nicht rechtzeitig differenzieren zu lernen zwischen dem – allen kreativen Prozessen inhärenten – Zweifel und wahrer Verzweiflung, Melancholie und schleichend erstarkender Depression. Eine klare Grenze lässt sich nicht ziehen. Je früher wir jedoch erkennen, dass wir uns in eine Abwärtsspirale bewegen, desto eher können wir präventive Maßnahmen ergreifen. Das ambivalente Spannungsfeld zwischen schöpferisch kreativen Prozessen und den damit verbundenen Zweifeln und dem schwermütigen Grübeln bis hin zur Verzweiflung ist nichts Neues. Viele Kunstwerke zeugen vom melancholischen Wesen ihrer Protagonist*innen und demnach auch Autor*innen. Ein prominentes Beispiel ist der hier bereits mehrfach erwähnte Meisterstich Albrecht Dürers aus dem Jahr 1514. Diesen möchte ich im Folgenden Abschnitt näher betrachten.

Melancholia I zeigt eine durch ihre Flügel als Engel gekennzeichnete, weibliche Figur, die sitzend, den Kopf aufgestützt in Mitten zahlreicher Objekte sitzt und mit grimmigem Ausdruck im Gesicht in die Ferne blickt. Die vielen Objekte die sie umgeben sind Werkzeuge, von denen manche der Vermessung, andere der Konstruktion dienen. Unter ihnen findet sich in der Hand des Engels ein geöffneter Zirkel, zu seinen Füßen ein Hobel, eine Säge, eine Zange und weitere Werkzeuge. An der Wand des Gebäudes im Rücken des Engels hängen eine Waage, eine Sanduhr und eine Glocke. Neben ihm sitzt auf einem angelehnten Mühlstein ein kleiner kindlich anmutender Engel – oder Putto. Außerdem finden sich auf dem Boden liegend ein Hund, ein in Stein gehauener Polyeder und eine Kugel. Am Horizont strahlt die Sonne über einer fernen Stadt am Ufer eines ruhigen Gewässers. Am Bund des Kleides, das der Engel trägt, hängen Schlüssel.

Diese Ansammlung von Objekten scheint dem Engel alle Möglichkeiten zur Tat – Forschung und Kreation – nahezu aufzudrängen, während dieser untätig grübelnd da sitzt. Die Frage nach der Deutung dieses Kupferstichs hat bereits zahlreiche Kunsthistoriker*innen beschäftigt und scheint bis heute nicht eindeutig geklärt zu sein. Handelt es sich um lähmende Melancholie, die sündige grundlose Traurigkeit der christlichen Acedia, oder beschreibt der Stich vielleicht das ganze intellektuelle Potenzial der Melancholie wie es schon Theophrast, ein Schüler Aristoteles beschrieb? Die Interpretationen sind zahlreich, auch weil Dürer selbst keine Erklärung für seinen Kupferstich lieferte. In den Objekten steckt die Wissenschaft, das Vermessen von Raum und Zeit, die Tätigkeit, das Schöpferische. Der Engel versammelt sie alle um sich herum und versucht doch allein Kraft seines Denkens die Welt zu erfassen; aus sich selbst heraus, möglicherweise auch in sich selbst eine Antwort auf die drängenden Fragen zu finden, die sich auf seinem Gesicht ablesen lassen. Interessant an den unterschiedlichen Deutungsansätzen ist, dass sie jeweils ein unterschiedliches ihnen zugrunde liegendes Verständnis des Melancholie Begriffs offenbaren, von dem ausgehend der Kupferstich analysiert wurde. Der englische Schriftsteller Robert Burton interpretierte im siebzehnten Jahrhundert den Kupferstich als die Darstellung aller Facetten des melancholischen Temperaments. Der um 1900 lebende deutsche Kunsthistoriker und Kunstwissenschaftler Aby Warburg deutete die abgebildeten Objekte als Zeugnisse eines erfolgreichen Kampfes der Figur mit den melancholischen Mächten dem Wahnsinn, der Schwermut und Trauer. 20 Die ebenfalls um 1900 lebenden Kunsthistoriker Erwin Panofsky und Fritz Saxl sahen die abgebildete Figur als sinnbildliche Darstellung des melancholischen Genies, das am Ende seiner geistigen Möglichkeiten angekommen, resigniert in sich zusammensinkt; entmutigt von der Erkenntnis an die eigenen Grenzen gestoßen zu sein habe der melancholische Geist alle Hoffnung verloren. 20 Warburg interpretiert Melancholia I als Trostblatt, das dem Melancholiker Mut machen soll sich gegen die negativen Einflüsse der Melancholie zu behaupten; Panofsky und Saxl hingegen interpretieren es als ein Warnblatt, das den Melancholiker davor warnen soll sich der geistigen Quälerei, dem ständigen Grübeln hinzugeben, da am Ende nur die Verzweiflung im Angesicht des Unbegreiflichen – in der Acedia im Angesicht des Göttlichen – wartet. Der zeitgenössische deutsche Kunsthistoriker Peter-Klaus Schuster schließlich führt die beiden genannten Interpretationsansätze zusammen und stellt die sich aufdrängende Verbindung des Werkes zu den humanistischen Konzepten der Zeit Dürers her. Für ihn handelt es sich bei Melancholia I um ein Tugendblatt. Die Frage, die fast zweitausend Jahre zuvor von Aristoteles – bzw. seinem Schüler Theophrast – gestellt worden war: „Warum erweisen sich alle außergewöhnlichen Männer in Philosophie oder Politik oder Dichtung oder in den Künsten als Melancholiker?“ 21 kommt ins Gedächtnis und Dürer liefert laut Schuster eine Antwort darauf. Die Melancholie Figur bei Dürer hat Schuster zufolge bereits die angestrebte vollendete Weisheit erreicht und ist am Ende des damaligen menschlichen Wissens angelangt. Sie muss dieses allerdings gegen den melancholischen Trübsinn immer weiter verteidigen. Das kontinuierliche Streben gegen die Verzweiflung im Angesicht dieser Aufgabe interpretiert er als Tugend, den Kupferstich als Aufforderung an den Melancholiker sich gegen seinen Trübsinn und seine Trägheit zu wehren und seinen hervorragenden Geist zu pflegen. Die zahllosen Objekte und Werkzeuge die den melancholischen Engel Dürers umgeben sind Zeugnisse der Beherrschung von Wissenschaft, Philosophie und Kunst. Die Melancholie Figur verfügt über sie.  Unabhängig davon was die tatsächliche Intention Dürers gewesen sein mag, besteht die herausragende Qualität des Kupferstichs auch darin, den ambivalenten Charakter der Melancholie so präzise erfasst zu haben, dass das Werk bis heute noch zahlreiche Interpretationsansätze ermöglicht und somit Diskussionspotenzial für alle Facetten der Melancholie bietet. Trotz der Gefahren einer melancholischen Veranlagung, so schreibt Schuster, kann der Melancholiker, durch den richtigen Gebrauch seiner Begabungen, großartiges in Kunst und Wissenschaft leisten. Dieser neue Optimismus entsprang dem erstarkenden Humanismus der Renaissance, aus dem sich später der Typus des tiefsinnigen intellektuellen und kreativen Melancholikers herausbildete.
Genie und Wahnsinn        In dem Text Problem XXX, 1 von Theophrast – einem Schüler von Aristoteles – wird bereits die Vorstellung einer Verbindung zwischen Melancholie und herausragender Begabung erwähnt, die sich in dessen Zeit auf dem europäischen Kontinent etablierte. Diese wurde auch in späteren Epochen, besonders in den humanistischen Tugendlehren der Renaissance, immer wieder aufgegriffen. Zwischen der schwarzen Galle, die in der – in der Schule von Hippokrates entwickelten – Humoralpathologie als Auslöser für Schwermut und Trägheit beschrieben wurde, und ihrer Verbindung mit geistiger Begabung bei Theophrast scheint sich zunächst ein großer Widerspruch aufzutun. Es findet sich in demselben Text von Theophrast eine Passage, in der er genau diese Ambivalenz beschreibt: „Wenn ihre Verfassung besonders stark mit dem Saft der schwarzen Galle gesättigt ist, sind sie (die Personen) in zu hohem Maße Melancholiker, wenn sie aber einigermaßen gemischt sind, sind sie außergewöhnliche Menschen.“ 21

In direkter Anlehnung an die Humoralpathologie nennt Theophrast ein inneres Gleichgewicht als Voraussetzung dafür, das ein Mensch sein Potenzial tatsächlich ausschöpfen kann. Damit erweiterte er das Bedeutungsspektrum des Begriffs schon früh über seine Rolle innerhalb der Viersäftelehre hinaus. Es bleibt die Frage, ob es tatsächlich eine Verbindung zwischen außergewöhnlicher Leistung und Melancholie gibt. Dabei geht es selbstverständlich nicht darum Kreativität einem exklusiven Club melancholischer Menschen zuzuordnen, sondern ganz im Gegenteil darum, eine Verbindung zwischen menschlicher Kreativität und menschlicher Melancholie herzustellen; Letztere ausgelöst durch unser Wissen um unsere Vergänglichkeit und unsere Suche nach Sinnhaftigkeit. Bei der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Melancholie Begriffs begegnete mir Kreativität immer wieder in Verbindung mit dem Genie Begriff, der nicht selten, ähnlich des Spannungsfelds zwischen Zweifel und Verzweiflung, Melancholie und Depression, am Rande des Wahnsinns verortet wird. Kreativität hat immer wieder in der Menschheitsgeschichte zur Mythenbildung beigetragen, in ihrer höchsten und reinsten Form in Gestalt des Genies. Der Begriff tauchte während meiner Auseinandersetzung mit der Melancholie in unterschiedlichen Kontexten auf. In verschiedenen Definitionen des Genie-Begriffs fand ich einen ganzen Katalog von Eigenschaften, die zu seiner Beschreibung immer wieder verwendet werden: Besondere Kraft der Assoziation, Enthusiasmus, Originalität, Verachtung aller Gelehrsamkeit, Leidenschaft, Tatkraft, Einbildungskraft, eine schöpferische Kraft, etwas Dämonisches, dem Zeitgeschmack entgegen strebend, kombinierendes Vermögen, Erfindungsreichtum, Individualität, einer Naturkraft entsprechend, Erkenntniskraft, Fleiß, Fantasie, Kindlichkeit und ein herausragendes Gedächtnis. 22 Ein Katalog von Begriffen, die der idealisierten Vorstellung eines fast omnipotenten schöpferisch begabten Menschen entsprechen. Der Unterschied zwischen dem Genie-Begriff und dem des häufiger gebrauchten Begriffs des Talents ist der, dass dem Genie ein mystischer, transzendenter Charakter anhaftet, während das Talent lediglich eine besonders stark ausgeprägte natürliche Begabung beschreibt, die zunächst ausgebildet, bzw. gefördert werden muss. Eine ähnliche „moderne“ Mythenbildung kennen wir auch heute in der Kunst und Gestaltungswelt, Musik, Literatur und auch in der Technologie und anderen Bereichen, man denke nur an Steve Jobs und seine Bewunderer.

Wer erfolgreich als Künstler*in sein will, egal in welchem Bereich muss auffallen und es fallen die auf, die in ihrer Gestaltung Grenzen überschreiten, Neues wagen, anecken – zumindest dem Anschein nach. Ich habe Kommiliton*innen weinen und zittern gesehen, Koffein-Tabletten schlucken gesehen, wir alle haben viele Nächte kaum oder gar nicht geschlafen, stets mit dem Ziel einem Anspruch gerecht zu werden, der durch den genauso alten wie aktuellen Mythos genialer Gestaltung genährt wird. Viele verlassen verschuldet die Kunsthochschule und erfahren in den folgenden Jahren kaum Wertschätzung für ihre Arbeit. Kein Wunder also, dass in der Beziehung zwischen Melancholie und Kreativität auch Depressionen eine Rolle spielen. Das Genie wurde im Laufe seiner Begriffsgeschichte nicht immer idealisiert. Immer wieder wurde der Begriff auch mit dem Wahnsinn in Verbindung gebracht, einem krankhaften Zustand, in dessen Fieber herausragende Werke entstehen, deren Ursprünge für andere Menschen nicht nachvollziehbar sind. Der französische Psychiater Moreau de Tours beschrieb 1859 das Genie als eine Neurose und der italienische Kriminologe und Physiker Cesare Lombroso schrieb 1876: „Das Genie ist eine Unterform des Irrsinns, der Geniale ist immer ein Geisteskranker.“ 23 Diese radikale Stigmatisierung stieß auf großen Widerstand bei zeitgenössischen Denkern, die sich bemühten den Genie-Begriff zu verteidigten und ganz im Gegenteil mit besonderer Gesundheit sowie höchsten geistigen Leistungen in Verbindung zu bringen.  Heute verbinden wir den Begriff noch mit einer Form von kreativer Autorenschaft und Originalität, die das bisher Existierende auf überraschende Weise übertrifft und/oder verändert. Gleichzeitig hat der Begriff als solcher auch eine starke Abwertung erfahren; als genial wird umgangssprachlich heute schon jemand bezeichnet, der daran gedacht hat Besteck zum Picknick mitzubringen.  Wenn der Begriff hingegen ernsthaft verwendet wird, kommt die Vergabe dieses Titels nicht selten einer Heiligsprechung gleich. Lange-Eichbaum wies darauf hin, dass eine solche Ernennung zum Genie immer eine Gemeinschaft braucht, die diese Ausspricht. Zudem reicht die bloße Feststellung von genialem Potenzial nicht aus, der Titel wird erst nach einer, als genial bewerteten Leistung vergeben. Wenn wir uns die Werke berühmter Personen anschaut, die jemals als genial bezeichnet wurden, zeichnen sich diese stets durch eine Qualität aus, die sie von gewöhnlichen Leistungen unterscheidet. Diese besondere Qualität würde man heute nicht mehr auf das Wirken einer übernatürlichen Kraft zurückführen, sondern auf eine besondere Begabung bzw. Talent und harte Arbeit. Der ungarische Psychologe Résvész trennt das Talent in zwei Arten, die spezifische und die komplexe Begabung. Das spezifische Talent ist von vorneherein stark auf einen bestimmten produktiven Bereich konzentriert und festgelegt, während das komplexe Talent eher über eine allgemeinere produktive Begabung verfügt und sich erst allmählich in eine bestimmte Richtung entwickelt, die stärker von inneren und äußeren Bedingungen abhängig ist. 24 Er stellt außerdem fest, dass sich die „geniale“ Person im Gestaltungsprozess innerhalb der gleichen Grenzen bewegt, wie Normal- oder Hochbegabte, und vertritt die Auffassung, dass es zwischen diesen Gruppen nur graduelle Unterschiede gibt. Das für Außenstehende scheinbar nicht nachvollziehbare geniale Werk ist auch nur das Ergebnis einer langen Kette von Versuchen, Erfahrungen und benötigt das Wissen und die Ausbildung der Schöpfer*in ebenso wie jedes weniger geniale Werk.24 Der Arzt und Psychologe Paul Plaut teilte 1929 schöpferische Prozesse in vier Phasen; diese lassen sich natürlich nicht universell auf die Gestaltungspraxis übertragen.

Die erste Phase beginnt mit einer intensiven Auseinandersetzung und Vorbereitung auf die jeweilige Aufgabe. In dieser ersten Phase wird ein Ziel formuliert, recherchiert und beobachtet. Die zweite Phase bezeichnet Résvész als „Inkubation in der Sphäre des Unbewussten“. In dieser wird alles Material aus der ersten Phase im Unbewussten und Vor-bewussten verarbeitet. Nicht selten ist diese schöpferische Pause von einer inneren Unruhe gekennzeichnet, da die betroffene Person noch nach einem klaren Ergebnis, nach dem befreienden Schöpfungsakt strebt, aber gezwungen ist darauf zu vertrauen, dass diese Phase zunächst unter kaum aktiver und bewusster Beeinflussung abläuft. 25 Gerade diese zweite, häufig zermürbende Phase erscheint mir einen Hinweis darüber zu liefern, wie kreative Prozesse und Melancholie in Verbindung gebracht werden konnten. Alle Kräfte, die die betroffene Person vorher noch auf die Auseinandersetzung mit der vorliegenden Problematik konzentrierte, sind nun im Unbewussten aktiv und schließen die Person regelrecht aus. Gleichzeitig erzeugen die Reaktionen auf diese Phase wie Euphorie, Zweifel und Erschöpfung eine aufreibende Atmosphäre die nicht selten als Wechselbad der Gefühle beschrieben wird. 25  Häufig kommt es gerade als Folge einer inneren Entspannung zur erlösenden Inspiration, der dritten Phase des kreativen Prozesses, etwa nach erholsamem Schlaf oder während einer Tätigkeit oder Beschäftigung, die keine Verbindung zum vorschwebenden Problem aufweist. Inspiration ist also nicht etwa eine göttliche Eingebung, sondern das Ergebnis eines oft mühsamen und langwierigen aktiven wie passiven Prozesses. Zum Schluss folgt nun die vierte Phase, die endgültig über die Qualität des Werks entscheidet. Nachdem die Person sich intensiv mit dem Problem auseinandergesetzt hat und zu einem Lösungsansatz gelangt ist, folgt die Phase der Gestaltung und Umsetzung. Hier werden alle geistigen und handwerklichen Fähigkeiten mobilisiert, das Material wird immer wieder überprüft, verändert und modifiziert. Ein besseres Verständnis der Abläufe und Dynamiken kreativer Prozesse kann möglicherweise dabei helfen den sie begleitenden Zweifel als konstruktiven Bestandteil des Prozesses wahrzunehmen und zu nutzen. Eine unterschiedliche Ausprägung von Talent und Begabung unterscheiden natürlich zwischen dem gestalterischen Potenzial einzelner Personen, der Erfolg und die Qualität der Arbeit jedoch hängen von weit mehr Faktoren ab, während Wahnsinn – pathologische Zustände jeglicher Art – kreative Prozesse nicht fördern, sondern hemmen. Wenn wir also davon ausgehen, dass Melancholie vereinfacht ausgedrückt unser Streben nach Sinnhaftigkeit und unser Bewusstsein unserer eigenen Sterblichkeit beschreibt, dann bereichert sie durch ihr Wesen auch die menschliche Kreativität, findet in dieser ihren Ausdruck – Kreativität nicht im Sinne künstlerischen Ausdrucks, sondern auf alle Bereiche menschlichen Handelns bezogen.
Melancholie      Was also ist Melancholie? Die Suche nach einer Antwort auf diese Frage hat im Laufe der Menschheitsgeschichte immer wieder zu neuen Ergebnissen geführt. Wie bereits mehrfach erwähnt, wurde die Untersuchung des Melancholie Begriffs wiederholt durch ihre Verwandtschaft mit anderen Begriffen beeinflusst und eine vollkommen isolierte Betrachtung stets erschwert. Diese wird erst möglich, wenn es uns gelingt alle mit ihr in Verbindung gebrachten Begriffe von ihr zu trennen. Nur, ist das überhaupt möglich? Wir haben bereits festgestellt, dass die Depression ein pathologischer Zustand ist, eine Störung in der natürlichen, gesunden Verarbeitung von Gedankenprozessen und Emotionen – vereinfacht ausgedrückt. Wir können also festhalten, dass Melancholie und Depression zwei unterschiedliche Zustände sind (krankhaft und nicht krankhaft) wobei melancholische Reflexion Inhalt depressiver Glaubenssätze sein kann. Bei der genaueren Betrachtung von Kreativität und Genie-Mythos wird klar, dass Erstere ebenso wie alles andere menschliche Streben von der Notwendigkeit der Sinnhaftigkeit unseres Lebens genährt wird, und Letzterer, wie der Name schon sagt ein Mythos ist; oder bestenfalls ein ehrenhafter Titel den wir als Gesellschaft besonders Begabten Personen für ihre Werke verleihen können.

Der Begriff der Schwermütigkeit bezeichnet nach meiner Auffassung anders als die Melancholie eine Stimmung, auf die diese häufig zu Unrecht reduziert wird. Schwermut beschreibt demnach das intensive emotionale Empfinden von (Bedeutungs-) Schwere, entweder innerhalb einer konkreten Situation oder – abstrakter – des Seins. Durch die Abgrenzung der Schwermut von der Melancholie lässt sich mit ihr eine Stimmung innerhalb der Melancholie beschreiben, während letztere als Teil des menschlichen Wesens betrachtet werden kann. Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard beschäftigte sich in einem Essay von 1843 intensiv mit der Schwermut, dabei erwähnte er das Bestreben des Menschen sich „in sich selbst (zu) erklären”; wenn der Mensch dieses Bewusstsein nicht erreicht, so Kierkegaard, tritt Schwermut ein. 26
Schwermut ist demnach also eine direkte emotionale Reaktion auf die Unfähigkeit, das Bedürfnis, das eigene Wesen in all seiner Komplexität zu verstehen, zu befriedigen. Sie wird kann damit durchaus als ein Element der Melancholie betrachtet werden, die einen wichtigen Aspekt des Verhältnisses des Menschen zu seiner äußeren und inneren Welt beschreibt; nämlich jenen, der das Bewusstsein des Menschen seiner eigenen Vergänglichkeit betrifft und des daraus entstehenden Bedürfnisses, sein eigenes Wesen einerseits zu verstehen (innerlich), und ihm außerdem einen Sinn zu geben (äußerlich). Die Melancholie ist demnach ein Teil des menschlichen Wesens und lässt sich nicht in die Reihe der Emotionen oder, wie im Fall des Genie Begriffs, Begabungen einordnen.
Dies sind nur einige wenige Begriffe, die seit ihrer ersten Erwähnung mit der Melancholie in Verbindung gebracht wurden. Der Versuch alle Begriffe zu sammeln und einzeln von der Melancholie zu lösen, würde das Format der hier vorliegenden Auseinandersetzung sprengen; zum Glück – denke ich mir.Denn wenn wir Melancholie als Bestandteil des nie abgeschlossenen Prozesses des Menschwerdens betrachten, ist auch der Versuch ihrer genauen Definition unmöglich abzuschließen.

Zwischen dem hier erwähnten melancholischen Zweifel und dem Streben nach Sinnhaftigkeit tut sich ein ambivalentes Spannungsfeld innerhalb der Melancholie auf; zwischen Kontemplation und Aktion. Roland Lambrecht schreibt über dieses innere, melancholische Spannungsfeld des Menschen, dass es eine Abwechslung zwischen „Freud und Leid, Anstrengung und Erholung, Einsamkeit und Geselligkeit“ geben muss, damit der Mensch wahres Glück empfinden kann. Der Mensch ist demnach von seinem Wesen her Melancholiker und es liegt nicht in seiner Natur immer glücklich zu sein. „Der Mensch kann nur so glücklich sein, wie er sich fühlt, und das heißt, wie er sich fühlt in seinem Glücksgefühl, wie er das Verhältnis, das er zu sich selbst unterhält, als glückliches erfährt.“ 27 Es wird deutlich welche erstaunliche Aktualität die Humoralpathologie – obwohl sie sich selbstverständlich auf vollkommen falsche anatomische Kenntnisse des menschlichen Körpers stützte – in ihrem theoretischen Ansatz das menschliche Wesen zu erklären noch heute besitzt. Sie wies bereits darauf hin, dass der Mensch ein Gleichgewicht im Ungleichgewicht seiner Temperamente erzeugen muss um gesund und glücklich zu sein. Dieses Gleichgewicht, das wir heute zwischen Kontemplation und Aktion suchen würden. Das Spannungsverhältnis zwischen konstruktivem und kritischem Erleben, das den Menschen voran treibt, ist somit zwar ein mitunter zermürbend ambivalentes, in jedem Fall aber ein für ein produktives Leben essenzielles. Es ist häufig nur dann von Melancholie die Rede, wenn sie uns das erdrückende Gewicht des Lebens fühlen lässt, dabei wird übersehen, dass neben der Schwermut auch deren Überwindung und Übersetzung in die Tat zu diesem ambivalenten Wesenszug dazu gehören.
Wir könnten sogar soweit gehen Melancholie als Teil des Überlebenstriebs des Menschen zu verstehen, da die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Sinn der eigenen Existenz den Menschen vor Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit bewahrt und stets zur Tat drängt. Sie ist das kritische im Wesen des Menschen, der die Welt anschaut und danach strebt, sie nach seiner Vorstellung zu gestalten und seiner Existenz einen Sinn in ihr zu geben. Sie ist Reflexion und Selbstbewusstsein, sie ist Quelle von Zweifel und Tatendrang, sie macht den Menschen menschlich.
20 Vgl. S. 90 ff. Schuster, Peter-Klaus: Melancolia I. Melancholie, Genie und Wahnsinn in der Kunst. Hrsg. Jean Clair. Ausstellungskatalog. Paris: Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit, 2005. 
21 Vgl. S. 34 ff. Demont, Paul: Der antike Melancholiebegriff: von der Krankheit zum Temperament. Melancholie, Genie und Wahnsinn in der  Kunst. Hrsg. Jean Clair. Ausstellungskatalog. Paris: Hatje Cantz Verlag,  Ostfildern-Ruit, 2005.
22 Vgl. S. 32 ff. Lange-Eichbaum, W. & Kurth W.: Genie, Irrsinn und Ruhm. München/Basel: Ernst Reinhardt Verlag. Erstauflage 1967. 6. Auflage 1979.
23 Vgl. S. 23 f. Lange-Eichbaum, W. & Kurth W.: Genie, Irrsinn und Ruhm. München/Basel: Ernst Reinhardt Verlag. Erstauflage 1967. 6. Auflage 1979.
24 Vgl. S. 20 f. & S. 33 ff. Résvész, Géza: Talent und Genie, Grundzüge einer Begabungspsychologie. Marbug: Francke Verlag, 1952. 
25 Vgl. S.87 ff. Résvész, Géza: Talent und Genie, Grundzüge einer Begabungspsychologie. Marbug: Francke Verlag, 1952.
26 Kierkegaard, Sören: Entweder-Oder. München: dtv Verlagsgesellschaft. Erstauflage 1843. Auflage: Gesamtausgabe in 4 Einzelbänden  (1. Oktober 2005)
27 Vgl. S. 221 Lambrecht, Roland: Der Geist der Melancholie.  Eine Herausforderung philosophischer Reflexion. München:  Verlag Wilhelm Fink; Auflage: 1, 1996.