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︎︎︎Melancholia I.

Am Anfang         Es besteht wahrlich kein Mangel an Texten über die Melancholie. Seit ihrer ersten Erwähnung vor über 2500 Jahren im Corpus Hippocraticum, einer Sammlung medizinischer Abhandlungen des Arztes Hippocrates, haben sich zahlreiche Philosoph*innen, Schriftsteller*innen und Historiker*innen an ihrer Deutung und näheren Verortung versucht. Sie zerlegten die Melancholie in ihre Einzelteile, deuteten sie unzählige Male neu, verbannten sie für Jahrhunderte und schafften es doch weder sich endgültig von ihr zu trennen noch sich auf eine einheitliche Definition zu einigen. Melancholie wurde als Krankheit, als Sünde oder als Quelle der Inspiration des Genies beschrieben, mit Nostalgie und Depression in Verbindung gebracht; Begriffe die heute im Gegensatz zur Melancholie klar definiert sind. In dem vorliegenden Text reflektiere ich den Begriff ein weiteres Mal, ohne den Anspruch hier eine endgültige Definition erarbeiten zu können. Im Klappentext zu Földényis Buch „Melancholie“ schreibt dieser: „Es gibt keine eindeutige und genau treffende Bestimmung der Melancholie. Vielmehr ist ihre Geschichte der niemals abzuschließende Versuch einer Präzisierung des Begriffs.“ 1 Beim Blick auf die Begriffs-Entwicklung wird klar, dass die Geschichte der Melancholie letztendlich die Geschichte der Auseinandersetzung des Menschen mit seiner eigenen Zustand und Wesen ist, der Conditio humana, einem niemals abgeschlossenen Prozess. Viele Abhandlungen über die Melancholie bemühen sich vorrangig um eine möglichst vollständige, akkurate und chronologische Auflistung historischer Ereignisse und Literatur, die die Entwicklung des Begriffs im Laufe der Jahrhunderte geprägt haben. Ich bin weder Historiker noch Philosoph und es wäre anmaßend von mir zu behaupten ich könnte dem bereits über die Geschichte der Melancholie Geschriebenen noch etwas wirklich Neues hinzufügen. In meiner Auseinandersetzung geht es mir um die Verortung der Melancholie innerhalb der Kondition des menschlichen Wesens; in diesem Essay, sowie in den enthaltenen Gesprächen darum erste Gedanken dazu zu versammeln und miteinander zu verknüpfen.

Das Thema der Melancholie ist für mich ein sehr persönliches, meine Auseinandersetzung begann während den ersten Semestern meines Studiums. Nachdem ich selbst eine schwere Depression erlitten hatte, begab ich mich für drei Jahre in Therapie. Ich merkte damals schnell dass ich nicht nur „gesund“ werden, sondern auch mehr über meine Krankheit erfahren wollte und begann zu recherchieren. In der Melancholie fand ich einen Begriff, der sich schon immer an der Grenze zwischen Depression, Schwermut und kreativem Prozess befunden hat, ähnlich wie ich mich selbst während meines Studiums. Meine größte Sorge während dieser Zeit war es, dass ich am Ende trotz allem nicht in der Lage sein würde das eine vom anderen zu unterscheiden, nicht zu wissen wo meine Depression beginnt und Schwermut, als ein Bestandteil meiner Persönlichkeit, endet. Während ich mich in diesem Projekt also auch mit der Geschichte der Melancholie sowie mit anderen an sie angrenzenden Begriffen auseinandersetze, ist es nicht mein Ziel eine neue Perspektive auf die historische Entwicklung des Begriffs zu erarbeiten. Aus der Betrachtung seiner Geschichte, sowie verwandter Begriffe, möchte ich Erkenntnisse darüber gewinnen, was die Melancholie in ihrem Kern auszeichnet und welche Funktion sie im menschlichen Wesen erfüllt, welche Rolle sie spielt, wie wir mit ihr umgehen können und inwieweit ein besseres Verständnis der Melancholie auch unseren Umgang mit Depressionen im Alltag beeinflusst. Während meiner Auseinandersetzung fiel mir auf, wie eng die Bedeutungsspektren vieler der angrenzenden Begriffe denen ich begegnete mit der Melancholie verwoben sind. Daher zunächst ein kurzer Blick in die Geschichte des Begriffs.
Ohne Verortung      Abhandlungen jüngeren Datums über die Melancholie ähneln sich bisweilen in ihrer Unentschlossenheit bei der allgemeinen Verortung der Melancholie und ihrer Einordnung innerhalb der Depressionsthematik. So beschreibt Julia Kristeva in ihrem Buch „Schwarze Sonne“ von 1987 Depression und Melancholie als zwei Termini des gleichen Komplexes „den man als melancholisch-depressiv benennen könnte, dessen Umrisse freilich unscharf sind und in dem die Psychiatrie den Begriff „Melancholie“ der endogenen (nur durch Behandlung mit Antidepressiva eindämm-baren) Krankheit vorbehält.“ 2 Seit dem Erscheinen ihres Buches sind mehr als dreißig Jahre vergangen und die von Kristeva beschriebene Verortung der Melancholie innerhalb der Psychiatrie ist heute hinfällig, da diese den Begriff nicht mehr verwendet. Welcher Begriff aber ist an ihre Stelle getreten? Der Begriff „endogen“, den Kristeva verwendet bedeutet, dass etwas „seinen Ursprung im Inneren (hat)“ und von dort her wirkt.3 Die Verwendung des Melancholie Begriffs, ausgerechnet zur Beschreibung einer Form von endogener Depression, die mithilfe von Medikamenten zu behandeln ist, könnte auf ihre Assoziation mit der eingangs bereits erwähnten Humoralpathologie zurückzuführen sein – jener Theorie aus dem antiken Griechenland, die besagte, dass die Melancholiedurch ein Ungleichgewicht der Körper-Säfte (unter ihnen besonders der schwarzen Galle) im Inneren des Körpers ausgelöst werde. Nach Auffassung der Humoralpathologie (der Viersäftelehre) war es die Aufgabe der Ärzte das Ungleichgewicht der Säfte im Körper ihrer Patienten durch Arzneimittel und Therapien zu behandeln, bzw. auszugleichen.

Immer wieder stieß ich während meiner Recherche auf Texte, in denen noch als Melancholie benannt wird, was wir heute als Depression, Schwermut, Traurigkeit oder Nostalgie kennen. Es ist nicht das erste Mal, dass der Begriff in der Luft zu schweben scheint, ohne klar definiert zu sein. Als zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert Schritt für Schritt die Humoralpathologie durch medizinische Studien am menschlichen Körper widerlegt wurde, tauchte die Melancholie (griechisch: mela - schwarze, und chole - Galle) im Bereich der Emotionen und Leidenschaften wieder auf. Es dauerte tatsächlich lange, bis die Humoralpathologie endgültig aus der Medizin verbannt werden konnte, auch weil sie über Jahrhunderte ein fester Bestandteil allen (westl.) medizinischen Wissens war. Die Melancholie erwies sich als ähnlich hartnäckiges und selbstverständliches Allgemeinwissen wie die Annahme die Erde sei eine Scheibe. Die aus der häufigen Neudeutung resultierende Vielschichtigkeit des Begriffs ist bis heute der Grund, warum viele Definitionen nur wage Beschreibungen liefern; so zum Beispiel die Definition die erscheint wenn wir das Wort „Melancholie“ in google suchen: „(Melancholie ist) der Zustand, dass man traurig und leicht deprimiert ist, sowie wenig Freude am Leben hat.“ 4, oder die Beschreibung auf Wikipedia: „(Melancholie und/oder Trübsinn) bezeichnen eine durch Schwermut, Schmerz, Traurigkeit oder Nachdenklichkeit geprägte Gemütsstimmung, die in der Regel auf keinen bestimmten Auslöser oder Anlass zurückgeht.“ 5 Hier wird bereits deutlich, was ich später noch einmal in dem Essay „Melancholie und Psychiatrie“, des Latinisten und Medizinhistorikers Jackie Pigeaud bestätigt fand. Er schreibt dort: „Versuche, diesen so unpräzise erscheinenden und so oft umgedeuteten Terminus zu modifizieren, scheitern genauso wie der Plan, ihn durch eine Unterteilung in verschiedene Symptome aufzulösen [...].“6 Obwohl der Begriff so schwierig zu verorten scheint, taucht die Melancholie in den unterschiedlichsten Kontexten, in Literatur, Musik, Philosophie, Kunst und Film auf. Wo auch immer wir Menschen uns bemühen unser Seelenleben zu artikulieren, scheint auch die Melancholie eine wichtige Rolle zu spielen. So fährt auch Jackie Pigeaud fort: „Tatsache ist, dass wir nie mit der Melancholie gebrochen haben. Die verschiedenen Versuche, sie zu eliminieren oder auf eine andere Krankheit zu reduzieren, sind gescheitert.“ 6 Die Entwicklung des Begriffs hat noch zahlreiche weitere Stationen im Laufe der Menschheitsgeschichte gemacht, in der Acedia der Mönche, den Kindern des Saturn, den Gemälden der Romantik, den Entartungstheorien des zwanzigsten Jahrhunderts und mehr; sie alle hier aufzulisten, zu analysieren und zusammenzufassen würde den Umfang dieses Textes sprengen. Die gesamte Komplexität der Melancholie Thematik kann ohne eine Kenntnis dieser Einflüsse jedoch kaum nachvollzogen werden. In dem Versuch diesenso schwierig zu greifenden Begriff einzuordnen wurde ich auf Parallelen zu einem heute im alltäglichen Sprachgebrauch häufiger verwendeten Begriff aufmerksam: der Zweifel.
Von Zweifel und Verzweiflung      Zweifel begegnet uns in vielen unterschiedlichen Formen; wir erleben ihn als Unentschlossenheit zwischen mehreren Handlungsmöglichkeiten, als Unsicherheit darüber ob wir jemandem vertrauen können oder als Selbstzweifel bei der Einschätzung unserer eigenen Leistungen. Zweifel kann uns auch dabei helfen Erkenntnisse zu gewinnen, wenn wir etwa ein Problem kritisch betrachten. Während wir Zweifel in einem Moment noch als flüchtig erleben – ein kurzes Innehalten bevor wir uns mit etwas ganz sicher sein können – kann er im nächsten Moment schon kaum erträglich an uns nagen. Keinen Schritt kommen wir dann voran weil der Zweifel und die Sorge vor einem möglichen Scheitern uns paralysieren. Nicht jeder erlebt Zweifel immer mit der gleichen Intensität; manche treffen Entscheidungen intuitiv, mit denen andere lange hadern. Zweifel genießt häufig eine eher negative Konnotation. Die Kolumnistin Julia Friese findet in ihrem Essay „Nicht grübeln. Handeln!“ besonders drastische Worte dafür: „Der Zweifel ist noch viel schlechter als sein Ruf. Wer zaudert, verpasst das eigene Leben genauso wie die Karriere. Erfolgreich wird nur, wer sich nicht hinterfragt.“ 7 Einfach nicht mehr zweifeln, so das Fazit dieser Polemik. Damit wäre sicher jenen geholfen, denen sich das Zweifeln und Hadern in den Weg zu jeder Entscheidung und Handlung zu stellen scheint. Doch Zweifel hat auch konstruktive Eigenschaften, er fordert von uns immer wieder den eigenen Standpunkt zu hinterfragen oder die Richtung unserer Handlungen zu korrigieren. Er ist ein wichtiger Bestandteil des menschlichen Handelns, Denkens und Kreierens, nämlich gerade jener, der diese ständig an sich verändernde Situationen anpasst. In dieser Funktion bewahrt uns der Zweifel auch davor uns leichtsinnig in Gefahr zu begeben, er fordert die Reflexion einer Sache oder Situation um uns zu vergewissern und abzusichern. 

Wenn wir über Zweifel sprechen, ist auch eine Unterscheidung zwischen den verschiedenen Formen in denen er uns begegnet naheliegend. Eine mögliche Differenzierung könnte beispielsweise die zwischen aktivierendem und deaktivierendem Zweifel sein. Beide begegnen uns während Entscheidungs-, Handlungs- oder Kreativprozessen. Der aktivierende Zweifel führt zu konstruktiver Reflexion, und ermöglicht die zielorientierte Korrektur der Sache, des Prozesses oder der Situation, anstatt diese zu blockieren. Er ist ein Motor in jedem kreativen Prozess, der uns von der Idee zum angestrebten Ergebnis trägt, vorbei an all den unerwünschten Alternativen. Deaktivierender Zweifel ist im Gegensatz dazu nicht zielorientiert, sondern Handlungs-hemmend, er bringt uns zum hadern und grübeln, versetzt uns in einen Zustand des Zögerns, ähnlich der Problematik die Friese in ihrem Text anspricht. Zweifel könnten wir abstrakt als das Hinterfragen des Ist-, und Sollzustandes einer Sache oder Situation beschreiben, sowie der möglichen Wege und Prozesse vom einen zum anderen. Wenn dieses Hinterfragen ins Stocken gerät und sich zu einem permanenten Zustand entwickelt,in dem jeder unserer Gedanken wieder zu seinem Ursprung zurück führt – etwa weil wir für einen Konflikt keine Lösung finden – dann kann Zweifel in die Verzweiflung führen. Diese beschreibt Knaur’s Wörterbuch als den Verlust aller Hoffnung. 8 Hoffnung darauf den ursprünglichen Konflikt lösen zu können, aber auch darauf von der Verzweiflung selbst erlöst zu werden. Jede Handlung kommt zum Stillstand aufgrund des Verlusts der Entscheidungsfähigkeit – häufig auch aufgrund von Faktoren, die wir nicht kontrollieren können –, alle Gedanken werden auf eine zermürbende Dauerschleife reduziert, die wieder und wieder an dem gleichen Konflikt scheitert. Deaktivierender Zweifel, wie oben beschrieben, bewegt sich bereits am Rand der Verzweiflung. Definieren wir diese jedoch als Hoffnungslosigkeit, dann muss jeder Zweifel im Umkehrschluss noch Hoffnung enthalten.

Während also Verzweiflung immer auch eine Grenzerfahrung ist, ist Zweifel ein ordentlicher, natürlicher Bestandteil unserer geistigen Konstitution. Ich will sogar soweit gehen zu behaupten, Zweifel sei die Voraussetzung jeder Vernunft, der Bildung eines Urteils, da erst das Hinterfragen einer Sache eine eigenständige, vernünftige Meinung zu dieser hervorbringen kann; alles andere ist reines Plagiat. Es ist vernünftig zu zweifeln – notwendig sogar – und kein Grund jede Hoffnung zu verlieren. Zweifel und Melancholie, Reflexion unseres Handelns im Großen wie im Kleinen. Folgen wir der Entwicklung des Melancholie Begriffs durch die Jahrhunderte, fällt immer wieder auf, wie eng er mit der Frage nach dem Sinn des Lebens, die Depression mit dem Empfinden der Sinn-Leere des Lebens verbunden ist. Darauf gehe ich später noch näher ein, zunächst stellt sich mir die Frage, was passiert, wenn uns die Melancholie bzw. das Grübeln nicht der Erkenntnis und dem Sinn näher bringt, sondern uns im Gegenteil das Grübeln in Richtung einer Depression steuert.
Ewiges Grübeln       Während meiner Auseinandersetzung mit der Melancholie fand ich in unterschiedlichen Texten zahlreiche Erwähnungen des Grübelns. So zum Beispiel in dem Buch „Irren ist menschlich“ von 2002, in dem die Autor*innen in einem Kapitel über die Symptom-Analyse depressiver Personen sprechen:
(Der Antrieb ist) „gehemmt, d.h. keine Initiative, gelähmt, gebunden, 
entscheidungsunfähig, Nichtwollenkönnen, kann sich zu Erstarrung steigern: depressiver Stupor. Auch das Denken tritt – als Grübeln – auf der Stelle, ohne Zukunft. Da die Gehemmtheit nie Antriebslosigkeit, sondern Selbstblockierung, Selbst-Niederschlagung des eher starken Antriebs ist, resultiert quälende innere Unruhe und Angestrengtheit, (...).“ 9 Die häufig beschriebene Ohnmacht von Depressiven resultiert vor allem oberflächlich in Trägheit, während innerlich eine kräftezehrende Unruhe herrscht, die sich nicht in eine bestimmte Richtung bewegt – bewegen kann –, sondern immer wieder an dem gleichen Konflikt scheitert; die Handlungsfähigkeit ist gehemmt, weil die einzige mögliche Handlung in einer Dauerschleife gefangen ist. In einem Interview mit Ze.tt bespricht die Diplom-Psychologin Bona Lea Schwab auch das alltägliche und nicht pathologische Auftreten des Grübelns. Auf die Frage, was denn Grübeln eigentlich sei, antwortet sie: „Ich bezeichne Grübeln gerne als Leerlaufgedanken. Wir brüten über einem Thema, drehen uns dabei im Kreis und kommen zu keinem Ergebnis. Es fällt schwer, aus den Gedanken auszusteigen, weil sie eine Art Sogwirkung entwickeln. Grübelgedanken beeinflussen stark, wie wir erlebte Situationen einschätzen und uns selbst wahrnehmen.“ 10 Das Brüten über einem Thema ist immer mit der Erwartung einer Lösung – auch semantisch, das Brüten führt zur Geburt einer Idee/Lösung – verbunden, die im Grübeln allerdings nicht erfüllt wird, da im Gegensatz zu einer konstruktiven Reflexion mit klarem Ziel, meist schon die Ausgangsfragestellung zum Misserfolg verdammt ist. So meint auch Schwab: „Es sind meist bedrückende Gedanken oder Fragen wie ‚Warum kann ich nicht anders sein?‘ oder ‚Warum habe ich damals dies oder jenes nicht gemacht?‘ “ 10 Fragen, die zu keiner Lösung führen können, da sie anzweifeln, worauf wir keinen Einfluss (mehr) nehmen können.

Schon wenn wir uns im Alltag in Grübelei verlieren, wird die Macht unserer Gedanken spürbar; sie bestimmen unser Selbst- und Weltbild, da wir diese nur über unsere Gedanken artikulieren und entwickeln können. Auch der Psychologe Martin Hautzinger merkt an, dass depressive Patient*innen zu einer verzerrten Wahrnehmung der Realität neigen und negative Gedanken Stimmung und sogar körperliche Vorgänge wie Appetit, Nervosität und Müdigkeit beeinflussen. Die schwere Depression blockiert die Möglichkeit negative Gedanken an der Realität zu messen. 11 Geraten sie ins Stocken, stürzt uns ihre Macht in eine Ohnmacht, ähnlich dem zuvor beschriebenen Zweifel, der im Fluss unser Handeln und Denken lenkt, sobald er jedoch nicht mehr verarbeitet werden kann, bis in die Verzweiflung führt.Die depressive Person bemüht sich dann unter enormer Anstrengung immer und immer wieder den nicht lösbaren Konflikt zu lösen. Auf die Frage, warum wir überhaupt grübeln, antwortet Schwab: „Es ist ein Bewältigungsversuch, der schnell zur Hand ist und auch kurzfristig Erleichterung schafft. Wir haben das Gefühl, zumindest irgendetwas zu unternehmen, uns mit einem Problem oder Gefühl auseinanderzusetzen, auch wenn dabei nichts herauskommt.“ 11 Der Mechanismus dieses Alltagsszenarios lässt sich auch auf die Depression übertragen. Wie also kann dieser zermürbende Teufelskreis unterbrochen werden? Schwab empfiehlt zunächst eine Bestandsaufnahme und einen bewussten Umgang mit dem Grübeln. Durch das Erkennen und die Veränderung der eigenen Verhaltensmuster, soll es gestoppt, kontrolliert und durch aktive Handlungen so weit wie möglich ersetzt werden. 11 Diese Möglichkeit der Selbsttherapie durch Selbstreflektion unterscheidet schließlich das alltägliche Grübeln von dem einer Depression. Die Krise der Selbstwahrnehmung ist in Letzterer bereits zu einer Krise des Selbst geworden.
Lewis Wolpert zitiert in „Anatomie der Schwermut“ den ehemaligen Präsidenten des Royal College of General Practitioners Dr. John Horders, der in einem Interview seine Erfahrungen mit Depressionen wie folgt beschreibt: „(...) Es ist ein überraschend körperliches Gefühl, das erstaunlicherweise an Herzschmerzen erinnert, weil auch die Depression den ganzen Menschen erfasst. (...) Sie ist man selbst und nicht nur ein Teil des eigenen Apparats, eine Form der völligen Lähmung von Lust, Hoffnung und der Fähigkeit zu entscheiden (...).“ 12 Auch nicht-pathologisches Grübeln ist quälend, es ist jener Zweifel, der uns von der Handlung abhält, unentschlossenes Zögern, es lässt das Selbst jedoch größtenteils unangetastet. Grübeln als Symptom einer Depression hingegen ist Ausdruck einer tiefen Krise des Selbst; Gegenstand des Grübelns sind meist Selbstzweifel, die nicht nur keine unmittelbare Lösung ermöglichen, sondern Aspekte des Selbst grundsätzlich in Frage stellen und häufig bereits eine Überzeugung konstatieren.

Ein solcher Selbstzweifel, der mich während meiner Depression quälte war: „Ich kann das nicht.“ und „Ich schaffe das nicht.“ In meinem Studiengang „Kommunikationsdesign“ wurde allerdings mit jedem neuen Kurs die Bewältigung eines neuen kreativen Prozesses und anschließende Produktivität erwartet, die ich mir noch zu Beginn meiner Therapie regelrecht erkämpfen musste.  Auf die Beziehung zwischen kreativen Prozessen und dem Melancholie Begriff, bzw. auch dem der Depression, werde ich später noch näher eingehen. Während Schwab bei alltäglichem Grübeln eine aktive Auseinandersetzung mit den eigenen Verhaltens-mustern empfiehlt, lässt sich depressives Grübeln ohne die Unterstützung und den Eingriff durch eine neutrale, professionell ausgebildete Person kaum bewältigen, da das Selbst, das wir als Maßstab zur Evaluierung des eigenen Verhaltens und Zustandes brauchen, in einer Krise steckt. Zu verstehen, dass unsere gesamte Wahrnehmung unseres Selbst und unserer Umwelt in einer Depression verzerrt werden, kann unter Umständen helfen unser Selbst zu schützen und anschließend zu heilen. Wie aber fängt sie überhaupt an, woran erkennen wir, dass wir depressiv sind, dass unsere Wahrnehmung sich derart stark verändert?
1 Klappentext. Földényi, László F.: Melancholie. Berlin: Matthes & Seitz, 2004
2 S. 17. Kristeva, Julia: Schwarze Sonne. Depression und Melancholie. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel, Erstveröffentlichung 1987, 2. Auflage 2007.
3 Vgl. S. 200. Dörner, Klaus & Plog, Ursula & Teller, Christine & Wendt, Frank: Irren ist menschlich. Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie.  Köln: Psychiatrie-Verlag, Erstveröffentlichung 2002,  2. korrigierte Auflage, 2004
4 google-Suche. Zugriff 24.08.2019. Verfügbar unter: https://www.google.com . 
5 Seite „Melancholie“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungs- stand: 2. Juni 2019, 23:36 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Melancholie&oldid=189202798  (Abgerufen: 24. August 2019, 12:30 UTC). 
6 S.394 Pigeaud Jackie: Melancholie und Psychiatrie. In Melancholie, Genie und Wahnsinn in der Kunst. Hrsg. Jean Clair. Ausstellungskatalog. Paris:  Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit, 2005.
7 Julia Friese: Nicht grübeln. Handeln! Zeit online, 04.2018. Verfügbar unter: https://www.zeit.de/kultur/2018-04/zweifel-frauen-erfolg-fragen-10-nach-8 . 
8 Knaur: Das deutsche Wörterbuch. Lexikografisches Institut, München 1985, S. 1040
9 S. 200 Dörner, Klaus & Plog, Ursula & Teller, Christine & Wendt, Frank: Irren ist menschlich. Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie. Köln:  Psychiatrie-Verlag, Erstveröffentlichung 2002, 2. korrigierte Auflage, 2004 
10 Bona Lea Schwab: Wie du es schaffst mit dem Grübeln aufzuhören. 12.2017, https://ze.tt.de 
11 Vgl. S. 48 f. Prof. Dr. Hautzinger, Martin: Kognitive Verhaltenstherapie bei Depressiven. Langensalza: Beltz Verlagsgruppe, erste Auflage 1989. - 7. Voll ständig überarbeitete Auflage 2013.
12 S. 108 f. Wolpert, Lewis: Anatomie der Schwermut. München: C.H.Beck,  Erstveröffentlichung 2008. Übers. Sylvia Höfer. 2013.